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Gebäude

Das Palais, das heute Sitz des Verfassungsgerichtshofes und des Verwaltungsgerichtshofes ist, wurde in den Jahren 1708 bis 1714 nach den Entwürfen des bedeutenden österreichischen Barockbaumeisters Johann Bernhard Fischer von Erlach als Böhmische Hofkanzlei erbaut. 1749 wurde die Böhmische Hofkanzlei mit der Österreichischen Hofkanzlei vereinigt. Die neu geschaffene Behörde, die verschiedene Bezeichnungen trug (etwa Directorium in publicis et cameralibus, Böhmisch-Österreichische Hofkanzlei), hatte sowohl die politischen als auch zeitweise die finanziellen Angelegenheiten der österreichischen und böhmischen Länder zu besorgen. Zwischen 1751 und 1754 erweiterte der Architekt Mathias Gerl den Bau auf mehr als seine doppelte Größe. In den Jahren 1761 bis 1782 und 1797 bis 1840 beherbergte das Gebäude auch die Oberste Justizstelle, einen Vorläufer des heutigen Obersten Gerichtshofes. Bei der französischen Belagerung Wiens 1809 wurde das Palais schwer beschädigt und seine Archive geplündert. Umfassende Renovierungsarbeiten folgten. Die Österreichisch-Böhmische Hofkanzlei wurde 1848 in das Innenministerium umgewandelt, das bis 1923 im Palais verblieb. Danach wurden mehrere Dienststellen anderer Ministerien darin untergebracht. 1936 wurde das Palais Sitz des Bundesgerichtshofes, der in der Zeit des ständisch-autoritären Systems den Verfassungs- und den Verwaltungsgerichtshof abgelöst hatte. Am 12. März 1945 zerstörte ein Bombentreffer einen Teil des Gebäudes. Die Wiederaufbauarbeiten unter der Leitung des Architekten Erich Boltenstern wurden 1951 abgeschlossen. Das Palais ist seit 1946 Sitz sowohl des Verfassungsgerichtshofes als auch des Verwaltungsgerichtshofes. Bemerkenswert ist, dass auf den wenigen vorhandenen alten Stichen die Fassade zur Wipplingerstraße die Hauptfront bildet. Erst im Zuge der Wiederaufbauarbeiten nach dem 2. Weltkrieg wurde eine Fußgängerpassage parallel zur Wipplingerstraße in das Gebäude integriert und der Haupteingang (zunächst nur einer, der über die Puttenstiege zu Verfassungs- und Verwaltungsgerichtshof führte) auf den Judenplatz verlegt.

Betritt man das Gebäude durch das seit 1986 für den Verfassungsgerichtshof vorgesehene Eingangstor (das ist nicht jenes, mit der Straßenadresse Judenplatz 11, sondern ein in der Jordangasse gegenüber dem Haus 7a gelegener Eingang, der keine Straßennummer aufweist), führt die Löwenstiege in die Räumlichkeiten des Verfassungsgerichtshofes im ersten Stock.

An der Geschäftsstelle vorbei gelangt man in den inneren Bereich des Verfassungsgerichtshofes; der Weg führt entlang von Richterzimmern - in einem wurde nach dem 2. Weltkrieg das Deckenfresko einer früheren Kapelle entdeckt - und Büroräumen zu den Amtsräumen des Präsidenten und der Vizepräsidentin und weiter in den Blauen Salon. Dieser wegen der Farbe seiner Tapeten so bezeichnete Raum wird von den Richterinnen und Richtern als Beratungszimmer verwendet.

Wenngleich die Bereiche von Verfassungs- und Verwaltungsgerichtshof innerhalb des Gebäudes voneinander getrennt sind, werden verschiedene Räumlichkeiten gemeinsam genutzt. Dies gilt insbesondere für den Großen Verhandlungssaal samt Nebenräumen und die Repräsentationsräume, die 1896 nach Entwürfen von Emil von Förster gestaltet wurden.

Im Großen Verhandlungssaal hält der Verfassungsgerichtshof seine öffentlichen mündlichen Verhandlungen ab. Die Wände schmücken Tapisserien aus dem 17. Jahrhundert, die Leihgaben der Kunstkammer des Kunsthistorischen Museums sind und Szenen aus dem Leben Konstantins des Großen darstellen. Das daneben liegende Beratungszimmer wird im Wesentlichen zum Anlegen der Talare vor den Verhandlungen und für kurze Zwischenberatungen während der Verhandlungen genutzt. Im Vorraum des Verhandlungssaals finden in regelmäßigen Abständen die Presseinformationen des Präsidenten statt. In dem im Bereich des Verwaltungsgerichtshofes gelegenen Gelben Salon und dem anschließenden Marmorsaal veranstaltet der Verfassungsgerichtshof jeweils am 1. Oktober, dem Tag der Beschlussfassung des Bundes-Verfassungsgesetzes im Jahr 1920, einen Festakt (Verfassungstag).